
Giovanni Castell - Steppenkerze
Knospenblitzen und Blütenfunken
- Zu den nächtlichen Blumenstücken Giovanni Castells -Kaum etwas schürt die Urangst der Menschen mehr als Dunkelheit; sie ist Sinnbild der Bedrohung, sie schwärzt die erhellenden Erkenntnisse des Tages ein und lässt das, was bis zur blauen Stunde noch den Sehsinn reizt, ins Schattenreich des Unsichtbaren sinken. Kurzum: Die Dunkelheit führt die Flüchtigkeit von Erscheinungen vor.
Der Mensch hat gelernt, sich dagegen zu wappnen: Künstlich erzeugtes Licht kann die Nacht zum Tag machen. Und um der Flüchtigkeit entgegen zu treten, zumindest kostbare Momente zu bannen, erfanden schlaue Geister die Fotografie.
Mit beidem, Licht (= Blitzanlage) und Flüchtigkeitsbanner (= Großbildkamera), ausgestattet, zieht der Fotograf Giovanni Castell nachts in die nahe seines Hamburger Wohnorts gelegene Parkanlage Planten und Blomen. Inmitten von Rabatten und wäldlichen Gestrüppformationen positioniert er seine Kamera, um die dort vorhandene, künstlich angelegte Flora bildnerisch aufzunehmen. Damit er zu den gewünschten Nachtaufnahmen kommt, ist ein ausgetüfteltes Maß an Bedingungen nötig: Zum einen ermöglicht eine besonders lange Belichtungszeit bis zu einem Dutzend separater Blitzvorgänge; zum anderen erfordern die Aufnahmen, während die Blende geöffnet ist, Momente absoluter Windstille, um die Pflanzen für den Augenblick der Aufnahme in Reglosigkeit verharren zu lassen und Bewegungen = spätere Unschärfen zu vermeiden. Mit dieser speziellen Blitz-Technik löst Giovanni Castell Blumen, Büsche und Bäume aus der Dunkelheit. Die Nacht gibt gleichsam den maximalschwarzen Hintergrund, von dem sich die farblichen Konturen der Pflanzen besonders genau abheben; zudem schluckt sie alle überflüssigen Informationen und zentriert die Konzentration des Betrachters auf das Wesentliche: Die Pflanzen selbst. Diese wirken, ob ihrer besonderen Akzentuierung, seltsam exotisch und unberührt. Als wären sie aus einem Tiefsee-Panoptikum entnommen. Kaum vorstellbar, dass am Tage Hunderte von Flaneuren achtlos an ihnen vorbeigehen.
In Giovanni Castells Nachtstücken bekommen die Pflanzen ihren großen Auftritt. Man sieht es den Aufnahmen an, dass es dem Fotografen in erster Linie um ihre, dann erst um seine Sache geht; das seit der Neuen Sachlichkeit erprobte Foto-Prinzip, selbst zu den Dingen zu gehen – und nicht die Dinge zu sich zu holen – erfährt hier eine künstlerische Erweckung der besonderen Art. Und so stehen die Blumen, Gräser, Sträuche und Bäume nicht "tot" in Studioarrangements, sondern dort, wo ihr (allerdings künstlich angelegter) Lebensraum ist. In irgendwelchen Park-Rabatten eben.
Giovanni Castell ist wie ein Augenzeuge, der mit seiner Arbeit auf der Suche nach Komplizen ist. Wie gern macht sich der Betrachter seiner Bilder zu einem solchen! – Da leuchten halbabgeblühte Steppenkerzen wie Funken sprühende Feuerschweife am schwarz lackierten Nachthimmel. Daneben erstrahlen die Blüten der Ixien wie helle Sterne, steigen rote Lupine neben violetten Allium-Dolden, explodierenden Feuerwerkskörpern gleich, in die alles umfassende Schwärze auf ("Steppenkerze") – glanzvoller können sich Farbigkeit und Formbeschreibung nicht die Waage halten. In "Knipphofia" gehen allerhand Gräser und lineare Blätter um gelbe Knipphofia-Blüten und ferne Yucca-Lilien in die Luft. Ein Heer roter Tulpen, welches gegen eine gigantische Truppe blauer Perlblumen zieht, scheint in "Tulpen" auf. Wie Schilder und spitze Waffen ragen die Tulpenblätter aus dem eingefrorenen Farbgemetzel; die ins Schwarz übergehenden Farbnuancen erhöhen sich in der Wirkung ihrer Farbenpracht wechselseitig. Imposant drängt sich eine eben abgeblühte Hosta-Staude würdig in ihrer kompakten Bouquetform mit monumentaler Wucht dem Betrachter entgegen ("Hosta"). Inmitten eines roten Tulpenmeeres reckt ein Baum seine dicken, nackten Äste in die Nacht; das wundersame Knospenblitzen, welches von oben durch dünne Zweige ins Bild hineinragt, gibt der Szene einen zauberhaften Anstrich ("Baum und Tulpen"). Das Bild "Rhododendron" wiederum wird von einem girlandenartig sich windenden Rhododendronbuschwerk beherrscht; strotzend und gewaltig - -
Zur empfindbaren Kühle der Arbeiten kommt eine weitere sinnliche Ebene: man meint förmlich, die Nachtluft als Wohltat aus den Bildern herausriechen zu können. Die gestochene Schärfe der bis zu 1,95 x 2,30 m großen Abzüge, welche von 18 x 24 cm großen Negativen gemacht wurden, verstärkt die realitätsnahe Empfindung. Der Betrachter ist eingeladen, seinen Blick in einem natürlichen Faszinosum schweifen zu lassen.
Auch einer metaphorischen Lesart öffnen sich Castells florale Nachtstücke: Allerdings sind die dargestellten Pflanzen selbstständigere Anschauungsgegenstände, als man es von den barocken Blumen-Stilleben her kennt; dort wurde das Vanitas-Gefühl über die Pflanzensymbolik des Mittelalters und beigegebene Attribute (Vögel, Falter, Raupen) sehr viel mittelbarer heraufbeschworen. Dennoch steckt auch in Castells Arbeiten eine naturnahe Illusion, die die Anschauung immanenter Kräfte verdeutlicht: In die lichtlose Welt des Todes und des Jenseits treten Blumen als Sinnbild des Frühlings, des Wachstums und der Schönheit. Was ist die sich dem Licht öffnende Blüte anderes, als ein in Verbindung mit Sonne und Weltall zu sehendes Lebenssymbol?
Es spricht für die nächtlichen Blumenstücke, dass das Kräftemessen der Wirkmächte unentschieden, also offen und spannend bleibt: Zwar ist die Vollkommenheit, nach der alle Dinge streben, offenbar vergeblich (selbst die schönste Blüte muss verblühen!) – doch genauso steckt in dieser Vergeblichkeit ein wunder- und sehnsuchtsvoller Kern, der uns wieder an die Vollkommenheit zu gemahnen imstande ist – und: Diese aufregende Blühwilligkeit (dessen kann man sich gar nicht oft genug versichern) steckt in jedem von uns; ein Umstand, dem man mit Dankbarkeit und Demut entgegentreten sollte.
Den Reiz ziehen Castells Arbeiten aus der Überraschung, indem sie dem Betrachter die von der Nacht versteckte Schönheit auf dem silbernen Tablett servieren. Sie sind nicht zeitgebunden, ja geradezu zeitlos, sie benötigen keine Ironie, sondern sind direkt zugänglich. Trotz ihrer einfachen Lesbarkeit sind es Sinnbilder, in denen sich etwas von der verschwiegenen Macht und Würde allen Werdens und Vergehens offenbart; der eine Moment, der die Gegenwart der Nachtaufnahmen beherrscht, in dem das Werdende ins Vergehende fällt und umgekehrt – dieser Moment veranschaulicht das, was Nikolaus Cusanus mit dem Begriff Coincidentia oppositorum, dem Zusammenfall der Gegensätze, gemeint hat: Die Aufhebung der irdischen Widersprüche im Unendlichen, göttlichen All.
Die Schönheit und Kraft, die von Giovanni Castells floralen Nachtstücken ausgeht, macht die Dunkelheit eben nicht nur als Bedrohung erfahrbar, sondern auch als Chance, immer wieder etwas hinreißend Neues hervorkommen zu lassen.
(In: Giovanni Castell, Nachtlandschaften, Galerie Nikolaus Ruzicska Salzburg 2008.)