Vom Grafensohn und so


Eigentlich wollte ich mit meinem Cousin Olov nach Römö zum Campen gefahren werden. Und nun? Unser gesamtes Reisegepäck war dahin, das Zelt, die Klamotten, die Angelrouten, der Walkman und die mühsam aus dem Radio aufgenommenen Africa-Bambaataa-Kassetten, alles weg. Mir war schon der Abend vorher suspekt. Als mein Onkel mit bequemer Selbstverständlichkeit unser Gepäck in die Heckklappe seines R4s schob, obwohl die sich nicht mehr schließen ließ. Sie blieb einfach, wie sonst auch, einen Spalt breit offen und wurde mit einem Band verbunden. "Und was ist, wenn das ganze Zeug geklaut wird?" fragte ich. "Das wird nicht geklaut", sagte mein Onkel. "Und wenn doch?" "Lass uns wetten. Um eine Flasche Whiskey."

So konnte ich am nächsten Tag die Verachtung für meinen Onkel noch mit einem Triumph küren, der Option auf einen gewaltigen Rausch. Zudem gab meine Tante mir, damit sie vor ihrer großen Schwester, meiner Mutter, nicht ganz so hexig dastand, zweihundert Mark zum Löcherstopfen. Eine Mischung aus Schmerzens- und Schweigegeld.

Unser Urlaub begann bedenklich. Nach Römö jedenfalls ging´s nicht mehr. Ich schlenderte am Tag durch die Fußgängerzone, erwarb einige Fruit-of-the-Loom-Muskelshirts, ein Sweatshirt derselben Marke, zwei Britannica-Jeans; sah meinen Cousin, der neben mir ging und natürlich kein Geld von seiner Mutter bekam, darben und kaufte mir vom Rest die lang ersehnten Bob Marley Platten. Abends gaben wir uns dann die Flasche Whiskey und kotzten den Tag in die Toilette.

"Alles nix, alles Mist", sagte ich meinem Vater am Telefon. Darauf erzählte er mir von Johann, der nach mir gefragt habe. Mein Gott, dachte ich, Strom-Johann, was will der denn. Angeln und zelten wollte er, mit ein paar Kumpels. Und er wollte mich dabei haben. Ich dachte an meinen letzten Urlaub mit Strom-Johann. Ausgerechnet auf dem Campingplatz auf Römö, wo ich eigentlich mit Olov hin wollte, und wie gut mir das dort gefiel. Jeden Tag kauften wir uns im Hafen dicke, borstige Wattwürmer, schoben sie auf die eleganten Langhaken für den Aalfang und hielten sie vom Ende der Hafenmauer in die Fahrrinne. Wir waren verrückt nach Fischen, ich trug jeden Fang in ein kleines Notizheft ein. Und da wir jeden Tag der Woche die Sehnen ins Wasser hielten, konnte ich ein paar untermaßige Schollen, einige mickrige Aalquappen und nicht wenige von den teuflischen Knurrhähnen verzeichnen. Es war kein schönes Gefühl, vor dem Großmaul eines Knurrhahns die Sehne zu kappen, weil er den Haken geschluckt hatte. Vor seinem giftigen Stachel galt es sich zu hüten. Und wehe, Haken wurden rar, dann musste jeder noch so kleine Knurrhahn notgeschlachtet werden, und zwar solange, bis das Metall zum Vorschein kam. Am meisten aber litten die Krebse. Ihre Schuld: Sie fraßen uns die teueren Wattwürmer vom Haken. Und wurden dafür erbarmungslos zertrampelt. Touristen schüttelten über die knirschenden Szenen die Köpfe. Schuld war Strom-Johann. Seine Grausamkeit steckte mich an. Kaum war ich wieder zu Hause, mischte sich eine stille Scham in die Erinnerung über das Amüsement dieses Urlaubs.

Nun rief derselbe Strom-Johann nach mir. Was sollte ich tun? Ich sagte meinem Vater, er möge uns abholen kommen. Wir könnten das kleine Schrottzelt aus dem Keller nehmen. Und die gruseligen, von uns ausrangierten Ersatzangelrouten.

Nachdem er unsere Zustimmung auf Gemeinsamkeit am Telefon jubelnd gebilligt hatte, fragte ich Strom-Johann: "Wo soll's denn hingehen?" "Na, zum Todenredder." "Und wer ist noch dabei?" "Ramses und Micha." Aha. Die Kollegen aus dem Angelverein. Micha, der mir mal im Schulbus das Gesicht zerkratzt hat, als ich ihm, aus einer nervösen Laune heraus, den freien Platz neben mir nicht freimachen konnte. Und Ramses, in dessen Kellerzimmer ich meinen ersten Pornofilm sah, Landleben, der mir so gut gefiel, dass mich nicht einmal seine Mutter, die von der Gartenarbeit einen Abstecher die Kellertreppe runter machte, um mich vom Türfenster aus anzuwinken, davon abhalten konnte. Ihr Sohn hielt ihr zur Gegenbegrüßung die Hülle des Pornos vor die Fensteraugen. Worauf sie sich umdrehte und langsam die Treppen wieder hinaufstieg. Dabei besah ich mir ihren mintfarbenen Gummihandschuh, der einiges Unkraut zusammenhielt. Dann spritzte Samen in das Gesicht eines wundervollen Wesens.

Der Ersatzurlaub nahm seinen Lauf. Nach Feierabend fuhr mein Vater uns auf unbestimmte Zeit zum Todenredder. Er hielt den Wagen auf der Holperstraße vor der Koppel, entließ uns und schotterte davon. Alles wurde ganz ruhig.

Irgendetwas geschah in diesem Moment. Ich fühlte, dass der Autodieb einen Bund mit dem Schicksal geschlossen hatte, hey –, schien er zu sagen, ich höre nun zwar Afrika-Bambaataa, aber ihr dürft eine Abstrusität erleben. Und wie selbstverständlich wir die Pracht der Natur hinnahmen. Wir stiegen über ein paar Stacheldrahtzäune. Weite, saftige Wiesen, mit Rinnen und Furchen und Gräsern und Disteln. Wir stapften. Mittendurch. Mit lautem Ziiiwiiitt! flogen Kiebitze auf unsere Köpfe, zogen im letzten Moment darüber hinweg. "Scheißviecher", sagte Olov. Wir begaben uns der abfallenden Schräge nach zum Wasser der Schwentine. Und die, nachdem ihre geteilten Arme sich am Ende des Mischwaldes wieder vereinten, schlängelte sich durch trauernde Weiden und Schilfgürtel hin zu einem Ufer, dessen Befestigung knorrige Buchenhaine waren. Die oberen Wurzeln lagen wegen der vielen Überschwemmungen, frei und bizarr. Und neben den Buchenhainen sahen wir das Lager der anderen. Zwei lieblos aufgestellte Knickdachzelte, eins rot, eins blau. Auf der gegenüber liegenden Seite des Flusses streckte sich das pompöse Gut Rastorf mitsamt dem flachen Fachwerkbau für die Geflügelzucht.

Ich senkte meinen Blick wieder ans hiesige Ufer. Und da stand Ramses. "Die Dösköppe kommen!" rief er. Und schon hielten Micha und Strom-Johann ihre Bierdosen in den blauen Himmel. Kein schlechter Anfang. "Na ihr Penner!" Sie waren dabei, mit Plastiktüten Wasser aus dem Fluss zu schöpfen. Alles musste sehr schnell gehen, denn unter dem Druck der Tüte suchte das Wasser sich alle kleinen Lochwege, um wieder herauszustrahlen. Micha stand mit der Prilflasche an der Abschöpfstelle, gab Ramses hektisch einige Tropfen ins Tütenwasser, und sah ihn zu einer saftigen Wiesenstelle laufen, wo er das Wasser zu Strom-Johann Füßen vergoss. Der hielt seine Augen in der versickernden Pfütze und sammelte die nach oben räkelnden Tauwürmer ab. Den erwünschten Händedruck erwiderte Strom-Johann, indem er Olov seine dreckigen kurzen Grobhände, aus denen die Würmer nur so ringelten, vor die Augen hielt, so nah, dass Olov sie wahrscheinlich garnicht sehen konnte.

Genauso lieblos bauten wir unser Zelt neben die beiden anderen. Die Würmer fanden mit etwas Mutterboden ihren Platz in einer durchlöcherten Tupperdose. Dann traten wir vor den Zelten zusammen, um die Angeln klar zu machen. Nachdem die Grundbleie versenkt, die Glocken an den Rutenspitzen befestigt waren und einige Posen schräg im Strom lagen, hatte Ramses eine Idee: "Lass mal alles zusammenschmeißen, was wir so mithaben."

"Hier, guck mal", schrie Strom-Johann, und wickelte eine Flasche Korn aus seinem Schlafsack. "Hab ich aus der Hausbar mitgehen lassen. Fällt bei den ganzen Flaschen da doch garnicht auf." Wir brachten es auf: Sieben Dosen Erbsensuppe, zwei Dosen serbische Bohnensuppe, drei Dosen Würstchen, eine Dose Königsberger Klopse, zwei Brote, ein Glas Marmelade, Margarine, mehrere große Joghurts, eine Packung Pfefferminztee, vier Packungen Zigaretten, einen Beutel Tabak und diverses Büchsenfleisch. Dazu zwei Dutzend Dosenbier und mindestens zwanzig Dosen Cola. Gott segne die Dose! Beim Anblick des imposanten Blechhaufens waren wir ehrfürchtig und stolz. Da lag unsere Ration für die nächsten sieben Tage. Die gefangenen Fische musste man sich noch dazu denken. Und wir hatten zwei verschiedene Kochertypen: einen Petroleum-Kocher und zwei Sturmkocher zum Aufknicken, die mit Esbit-Steinen beheizt wurden.

Kein Fisch wollte beißen, der Abend brach an. Wir schöpften aus dem Vollen, tranken Bier und einige Schlucke aus den Cola-Dosen ab, um sie mit Korn aufzufüllen. Der Petroleum-Kocher tat seinen Büchsendienst und unsere Gespräche nahmen Fahrt auf. "Warum nennt man dich eigentlich Strom-Johann?" fragte Olov. "Weil er eben immer nur Kurzschluss kann", sagte Ramses. "dem braucht nur mal ein Mädel mit der Hand zu streifen. Und schon kriegt er ne feuchte Hose." "Bist du blöd oder was?!" schrie Strom-Johann angestochen. "Na, denk bloß mal an die dicke Helma!" sagte Ramses. "Das war was anderes." "Wie, das war was anderes. Die brauchte doch nur unterm Tisch deinen Schwanz in die Hand zu nehmen und du bist gekommen!" Strom-Johann trank einige Schluck Cola-Korn. "Oh Mann" witzelte Micha, "ausgerechnet bei der dicken Helma." Ich hielt mir die Hand wie ein Schirm über die Augen und rief: "Taaanker in Sicht!" Ramses tat es mir nach und brüllte: "Saaandbank in Sicht!" Wir legten die dreckigste Lache auf, die wir uns nach dem Stimmbruch zugelegt hatten. Man konnte nie wissen, wozu man sie brauchte. Jetzt war sie gut.

Olov holte sich beim Pinkeln einen Nassen. Bis übers Knie war sein rechtes Hosenbein verschlammt. "Ey, Strom-Johann, bist du Linksträger oder Rechtsträger?" fragte Ramses. "Rechtsträger", nuschelte Strom-Johann. "Linksträger", sagte Olov. Und Ramses, Micha und ich stimmten ein, alle Linksträger... "Ist Helma denn Linkshänderin oder wie?" fragte Ramses. Und noch bevor ich die Frage ausreichend bedenken konnte, musste ich mich weglachen. Dann nahm ich die Dunkelheit wahr, die sich über den Erdmittelpunkt, also über uns legte. Als eine kleine Glocke klimperte. Biss! Biss! zischelten wir und stürzten auf die Routen los. Jeder entfernte seine Glocke von der Routenspitze und hoffte, sie zucken zu sehen. Es war Olovs Routenspitze, sie zipperte noch ein paar Mal , dann nahm er die Route vorsichtig aus der Astgabel und schlug sie an. "Hast ihn? Hast ihn?!" Es wurde spannend, denn niemand konnte sagen, ob es was und wenn ja, was es war. Vom dicksten Wels bis zur kleinsten Ukelei war alles möglich. Olov landete bereits an, kaum, dass sich die Routenspitze dabei krümmte. "´N Barsch, wie öde", sagte Ramses. "Aber immerhin. Sie beißen. Es geht los."

Der Barsch wurde für maßig befunden und in den Setzkescher geworfen. Wir genehmigten uns einen Schüttelschluck Korn aus der Flasche. Schon saßen wir beim nächsten Bier. Mein Kopf begann maddelig zu werden, doch Micha gab sich keine Blöße. Er erzählte vom kleinen Hecht im Rosensee. Er wusste genau wo der Hecht stand, ruderte einmal im Jahr zur Bucht mit den Luftwurzeln, warf den richtigen Blinker an die richtige Stelle und hatte ihn am Haken. Jedesmal warf er den Fisch zurück, in der Gewissheit, ihn im nächsten Jahr, wenn er fetter war, wieder am Haken zu haben, wenn er nur wollte. Und er erzählte von Jessica, der Schulschönheit, wie er sie rumgekriegt hatte. Eines Abends war er bei ihr eingeladen gewesen und hatte beim Abendessen vom Hecht rumgetönt. Da sagte der Vater: "Hecht ist eine Delikatesse. Bring ihn doch morgen Abend mit." Also ruderte Micha am nächsten Tag zur Luftwurzelbucht, warf den richtigen Blinker an die richtige Stelle und fing den Hecht. Er war in der Zwischenzeit ein stattlicher Bursche geworden. Doch nun spürte er den Totschläger über den Kiemen. Am nächsten Abend brachte Micha ihn zu Jessicas Vater. Und fuhr neben väterlichem Schulterklopfen schmachtende Tochterblicke ein. "Weißt du was", sagte der Vater, "komm doch morgen Abend wieder, dann richten wir hier alles schön her und verspeisen das Ungeheuer." Und Micha kam am nächsten Tag schon etwas früher, am Nachmittag, als der Vater noch auf der Arbeit war. Irgendwie kam er nackt im Kiefernbett der Schulschönheit zu liegen, die entfesselt über den schamlosen Körper die langen Haare in den Nacken warf. Er ergoss sich in sie. "Mein Gott", sagte er, "diese Haare. Diese Haut. Dieses wunderschöne Mädchen." Und dann sagte er: "Grönemeier singt: Wann ist der Mann ein Mann. Und wenn ihr mich fragt, dann ist das ganz klar, wann der Mann ein Mann ist." Darauf schwiegen wir ehrfürchtig. "Und abends gab´s dann den Hecht." Die Vorzüge der Angelei leuchteten mir ein. Ich ging rasch nach meinen Routen sehen. Nichts. Strom-Johann rülpste derweil, richtete sich auf und schritt auf die freie Wiese. In der Mitte machte er Halt, drehte sich zum Gutshaus der anderen Seite, trichterte seine Hände um den Mund und schrie so laut er konnte über den Fluss: "Der Grafensohn hat dicke Eier! Der Grafensohn hat dicke Eiii-eeer!" "Halt dein dummes Maul, du Nervensäge!" zischte Ramses. Der nächste Morgen war hart. Strom-Johann hatte sein Zelt vollgekotzt. Die Haken an den Routen waren bloß, schlichtweg abgefressen. Es graute und nieselte. Außerdem neigte sich der Zigarettenvorrat. In der Nähe der Zelte zeigten sich die ersten Kühe. Zum Frühstück gab es lauwarme Serbische Bohnensuppe. Und der Tag? Olov, Micha und ich zogen mit unseren Routen flussabwärts zur Brücke. Dorthin, wo wir einst mit Goldhaken und Schwimmbrot unsere Brassenerfolge gefeiert hatten. Hei, wie die riesigen Weißfische im gleißenden Sonnenlicht aus dem Wasser steigen konnten, und aufs dunkelfunkelnde Nass klatschten! Da man für den Brassenfang mit Schwimmbrot sehr dünne Sehne brauchte, mindestens Nullachter, war der Fang stets in Gefahr. Die glückliche Anlandung konnte ohnehin nur mit einem Gehilfen vollzogen werden, der unterhalb der Brücke mit einem Unterfangkescher aufwartete. Denn zum Hieven war die Sehne viel zu zart. Zart wie Frauenhaar, sagte Micha immer, zart wie das Haar von Jessica. Doch dieses Mal blieb das Sonnenlicht aus. Die Goldhaken glänzten weniger verführerisch, das Schwimmbrot versank und der Unterfangkescher blieb leer. Frustriert und klamm gingen wir zurück zu den Zelten. Strom-Johann gestikulierte wild vor Ramses. "Warum muss ich immer alleine im Zelt schlafen?" "Weil du ne Memme bist." "Kann ich nicht diese eine Nacht mit zu dir ins Zelt? Bitte..." "Sag mal, bist du jetzt blöde oder was? Nachher kotzt du mir auch noch mein Zelt voll." So ging's hin und her. "Habt ihr was gefangen?" "Nö." "Und ihr?" "Nö." Dumm war auch, dass kein Petroleum mehr da war für den Kocher. So mussten unsere Survival-Knickkocher ran. "Wer hat noch Zigaretten?" fragte einer. Und keiner antwortete. Zu alldem setzte Wind und leichter Regen ein. Die Knickkocher machten schlapp. Olov mühte sich am Aufwärmen einer Dose. Als das misslang, platzte Strom-Johann der Kragen. Er schnappte sich die Erbsensuppe vom Knickkocher und schmiss sie in den Fluss. "Zum Anfüttern", meinte er grinsend. Aßen wir eben Brot mit Büchsenfleisch und heizten uns die Hände am Esbit. Die Königsberger Klopse schmeckten auch kalt aus der Dose, waren ja vorgekocht. Es regnete sich ein, man wollte uns mürbe machen, auskühlen. Ich zog alle Klamottenregister: Drei Muskelshirts übereinander, darüber das Sweatshirt, dann die Jacke und umwickelte mich mit einer Decke. Als die Weltuntergangsstimmung überhand nahm, rotteten wir uns unter dem Blätterdach der nahe gelegenen Eiche zusammen und vernichteten die letzten Alkoholvorräte. Ramses krümelte aus seinem Tabakbeutel die Abschiedszigarette, die feierlich geteilt wurde. Strom-Johann zog als einziger zweimal hintereinander und drehte auf volle Voltzahl: "Mann, ich will nicht alleine im Zelt schlafen!" Rachegefühle keimten auf, und durchkreuzen in gelassener Vollkommenheit unsere Häme. Keiner von uns, der nicht griente. "Memme", sagte Ramses. Strom-Johann begann zu heulen. "Immer muss ich der Arsch sein." "Wenn's nun mal nur einen gibt", sagte Ramses. Wütend trat Strom-Johann die leere Bierdose vor seinen Füßen. Sie flog durch die Luft und patschte in eine Pfütze. "Wisst ihr was ihr seid? - Ihr seid echte Schweine!" Wir lachten. Aber nur solange, bis wir die letzten Biere ausgetrunken hatten. Denn dann mussten wir nass und vermatscht in unsere Zelte kriechen. Und bitter frieren. Ab und an bildete ich mir ein, ein Wimmern von Strom-Johann zu hören. "Pssst. Hörst du das auch?" flüsterte ich. Olov kicherte, darüber schlief ich ein.

In der Nacht gab´s großes Geschrei. Ich verstand: das Zeltdrama ging in die nächste Runde. Strom-Johann war hervorgekrochen, zippte den Reißverschluss von Ramses und Michas Zelt auf und drängelte sich zwischen beide auf die Doppelluftmatratze. "Iiih – du Sau, hau ab! Was soll das denn?" "Ich kann nicht schlafen, Alter, ich hab noch kein Auge zugemacht." "Hau endlich ab, du Sepp! Wenn du zu uns kommst, können wir nicht schlafen. Und wir sind viele. Das ist wohl schlimmer." "Aber ich kann nicht schlafen, wenn ich alleine schlafen muss." Mit Vernunft konnte man Strom-Johann nun nicht mehr kommen. Ich sah auf die Uhr. Halbdrei. Olov flüsterte mir zu: "Sag mal, heißt der Strom-Johann, weil dem andauernd die Sicherungen durchknallen? Oder wie?" Und kaum dass ich Strom-Johann selig im Nachbarzelt schnarchen hörte, lag ich wach wie eine Eule. Hart und ruhig prasselte der Regen aufs Zeltdach und ab und an ließ sich ein dicker, kalter Tropfen herab, mir ins Gesicht zu schlagen.

Am nächsten Morgen weckte mich das ohrnahe Schnaufen von Kühen. Es prasselte nicht mehr, also musste es aufgehört haben zu regnen. Ich robbte aus dem Zelt und schlug Alarm. Die Kuhherde hatte uns weidend umringt. Ich nahm meinen Mut zusammen und versuchte wenigstens das klobige Hornvieh an den Angeln zu verjagen. Zu spät. Zwei Routen waren bereits gebrochen. Zertrampelt von Klauen. Scheiße, scheiße. Wenigstens nicht meine. Als nächstes zeigte sich Olov, der mit lausigen Husch-Huschs auf die Kühe zulief und dabei in die Hände klatschte. Erschrocken sprangen sie bockig von dannen, doch dann siegte die Neugier und sie schlichen ohne Umweg wieder heran. Zumindest das Wetter stimmte versöhnlich. Strom-Johann ging zu den Routen und holte sie ein. Alle. Auch die, die ich ausgeworfen hatte und ich hasste ihn dafür. Er brachte sie mir. Am Ende der Sehne hing ein kleiner, toter Aal. "Alter, guck mal, ich hab´n Aal gefangen." Am liebsten hätte ich ihm genau diesen Aal um die Ohren gehauen. Die Bestandsaufnahme der Nahrung fürs Frühstück verbitterte. Mit zusammengekniffenen Lippen saß Ramses auf einer der bizarren Buchenwurzeln und fingerte an einem Beutel Pfefferminztee. Er drehte den Inhalt in ein Blättchen, leckte es an und rollte die Pfefferminzteezigarette auf seinem Oberschenkel. Dann hielt er sie ins schwache Sonnenlicht.

"Mal gucken, ob man das Zeug auch rauchen kann." Er zündete sie an. "Pfft, äh, Teufel – nee! Wie Hund!!" Und zischend trieb sie im Wasser der Schwentine davon. "Und was sollen wir jetzt essen?" fragte Micha. "Das nützt alles nichts", sagte Ramses, "wir müssen Streichhölzer ziehen, und sehen, wer von uns rübergeht zum Grafensohn, ein paar Eier borgen." "Es sollten mindestens Zwei sein", schlug Olov vor. "Nein", sagte Ramses, "einer allein ist besser. Das sieht mehr nach Mitleid aus." Ich zog als erster. Und gleich das kurze Streichholz. Also steckte ich meine Hände ins Flusswasser und gab sie in mein Haar zur Scheitelglättung. Dann stiefelte ich los. Eben außer Sichtweite, kam Strom-Johann mir nachgelaufen. "Mann, du nervst!" "Die dicken Eier vom Grafensohn will ich aber trotzdem sehen."

Ich drückte den Messingklingelknopf in die runde Ummantelung. Döng-Dang, dröhnte es sanft im Hausflur. Eine alte Frau erschien in der Tür, kerzengerade und gelassen. Die schwarze Stola würdig um Hals und Oberkörper. Wir setzten unsere Mitleidsmienen auf und erläuterten mit schwachem Stimmchen die Hungersnot. "Na, dann kommt mal", sagte sie, schlupfte aus ihren Pantoffeln und stieg in hohe, grüne Gummistiefel. Die Stallung war riesig und flach. Wie im schönsten Märchen wurde das Dämmerlicht darin von einzelnen gelben Strahlen durchkreuzt, die ihrerseits von Fensterkreuzen durchquert wurden; der Heustaub machte seinen Veitstanz im Licht. An einigen Stellen glomm der Boden regelrecht. Jedenfalls dort wo man ihn sah. Dort, wo man ihn nicht sah, leuchteten aus dem Federmeer dreckige Hühner auf. Die Auserwählten. Himmel, Hunderte von Hühnern, Tausende, ein regelrechter Hühnerteppich. Mit uns, die wir eine Schneise in sie gingen kam die Unruhe über sie. Böse, verlangende Unruhe. Sie flatterten und gackerten und stoben wild auseinander - und gaben uns damit ihre tot umherliegenden Artgenossen preis. Die Dame sammelte uns behände zwölf Eier in die Pappe. Gab sie mir in die Hand und sprach "für den ersten Hunger dürfte das genügen." Erst jetzt fiel mir ein, dass ich kein Geld dabei hatte. Also reichten wir ihr dankbar die schmutzigen Hände und machten artig einen Diener. Dann liefen wir glücklich über die Brücke zurück zu den Zelten.

Das erste Ei verfehlte Ramses schwarze Locken nur knapp. Vom zweiten Wurf konnte ich Strom-Johann abhalten. Der nervt, der Typ. Das Survival-erprobte Kochgeschirr samt Knickkocher tat in den nächsten beiden Stunden seinen Rühreidienst. Routine. Doch so recht wollte das mäßig gestockte Rührei ohne Salz nicht schmecken.

Und wieder war es Ramses, der die Probleme am Schopfe zu packen wusste. "Wieviel Geld habt ihr dabei? Kommt, wir schmeißen alles zusammen und einer von uns geht los nach Preetz und kauft ein." Münze für Münze wurden Achtmarkvierundsechzig auf Ramses Iso-Matte gezählt. "Das ist nicht viel. Aber besser als nichts. Wer geht?" Da ich mir nicht vorstellen konnte, den Nachmittag überhaupt nur irgendwie hinter mich zu bringen, ging ich. "Gibt´s denn Wünsche?" "Zigaretten", rief einer. "Alkohol", ein anderer. "Und was zu fressen." Ich verschwand im Wald, tauchte nach einer Stunde am Preetzer Predigerseminar wieder auf, fand die Hauptstraße und den nächsten Spar-Markt. Ich kannte mich aus im City-Survival. Ohne Probleme konnte ich für Zweifünfzig am Tag essen und trinken. Alles was ich brauchte, war ein ALDI-Markt und eben Zweimarkfünfzig für zwei Tüten Ibo-Chips und drei Dosen River-Cola. Das genügte. Doch diesmal lag der Fall komplizierter. Da meine Kaufkraft für fünf Personen recht gering war, waren Fingerfertigkeit und Rechenkünste gefragt. Ich wählte die Eineinhalbliterflasche Sangria aus dem Angebot und griff an der Kasse nach alter Manier zwei Schachteln Marlboro; als die eine auf den Boden fiel, steckte ich die andere ein. Die Bodenpackung wurde brav bezahlt. Bei aller Rechnerei hatte ich darauf geachtet, dass zwei Groschen übrigblieben. Von denen rief ich bei meiner Mutter an und flehte um Nahrungsmittel. "...Vielleicht auch noch für jeden ein Bier. Oder zwei. Och bitte. Mama." Zurück bei den Zelten. Die Stimmung war kurz vorm Überkochen. Freudensschäume. Die Zigaretten wurden mir aus der Hand gerissen und es dauerte keine Viertelstunde, da flog die geleerte Sangriaflasche ins Wasser und wurde mit Feldsteinen traktiert. Das Wetter war gut. Wir besannen uns wieder auf die Tugend des Angelns. Frische Tauwürmer wurden ergossen. Und ich suchte mir den kleinen teuren Federspinner mit Drillingshaken heraus, den ich letzte Woche bei Zoo-Knudsen mitgehen ließ. Salm-Salm-Salmoo-Salaar! wurde zu unserem Schlachtruf. Er galt den Fischen der Familie Salm. Forellen mussten her. Micha, Olov und ich ließen die anderen rauchend am Flussufer zurück, und gingen hinter die Brücke, dorthin, wo sich der Fluss teilte und ganz flach wurde. Dabei wanderten wir flussabwärts, von Stelle zu Stelle und zogen unsere Spinner und Blinker durchs klare, bekieselte Nebenbett. "Mal ehrlich", sagte Micha, der meinem glänzenden Luxusspinner im Wasser nachträumte, "das ist doch absolut fängig hier. Also wenn ich eine Forelle wär, ich würde anbeißen. Schon allein wegen Jessicas Vater..." Da! Mit einem Mal spürte ich einen jähen Widerstand. "Biss! - - Oder nee, oder doch – oder? Mist, Hänger, Scheiße!" Irgendwo vor dem umgestürzten Baumstamm am anderen Ufer musste sich mein Spinner verfangen haben. Jetzt bloß nicht zu stark ziehen, sonst reißt die Sehne und der Luxusspinner ist weg. Lieber vorsichtig von verschiedenen Seiten zerren. Der Widerstand gab etwas nach. Ich spulte das gewonnene Stück Sehne auf, zog behutsam die Route an mich und spulte erneut die Sehnengewinne weg. Irgendetwas Fettes hatte ich an der Schnur. Doch es zuckte und spaddelte nicht. Ein Schuh? Den möchte ich sehen, ein Riesenschuh muss das sein. Nach und nach holte ich ein. Dann sahen wir eine prallgedehnte Plastiktüte. Zugeknotet, der Aufdruck war längst weggegammelt. Ich holte sie nah an uns heran. Ein bestialischer Gestank kam mit ihr, nach Fäulnis und Seuche, nach Aas und Verwesung. Trotz aller Widrigkeit bat ich Olov, meine Route zu halten und beugte mich mit zugehaltener Nase über die Tüte, hob sie an der Sehne ein Stück aus dem Wasser und linste in die spärlichen Öffnungen am Knoten, der um die Tütenhalter geschlungen war. Fahles, weißes Fleisch sah ich darin, gedunsen, mit weit aufgerissenen Poren und kleinen Härchen. Würgen musste ich und einen Schritt zurücktreten. Wie vom Blitz geschlagen biss ich die Sehne durch und ließ die Tüte samt Luxusspinner zurück ins Wasser plumpsen, wo sie träge einsank und mit einer klaren Strömung ins Moorige dümpelte. "Was war das denn?" "Habt ihr´s gesehen?" "War das Fleisch oder was?" "Ja, aber verdammt totes Fleisch." Leiche hin oder her, wir dachten nicht daran, durchzudrehen. Schließlich wollten wir noch was von uns haben in der Todenredderzeit. Und so staksten wir freudig angegruselt wieder zu den anderen.

Schon von weitem sah ich meine Eltern. Sie standen in fünf Meter Sichheitsabstand vor den Zelten im Abendlicht. Ich freute mich, sie zu sehen. Mein Vater bewies Größe und sagte kein Wort zu dem Müll, der wie ein Heiligenschein um uns herum lag. All die matschig zertretenen Bierdosen. Im Gegenteil, er zollte unserem Durchhaltevermögen unter den Umständen Respekt, packte eine große Mettwurst, drei Laib Brot und mehrere Tüten Chips aus. Als er dann noch zehn Halbliterdosen Bier dazulegte, hätte ich zur Danksagung hinknien mögen. Meine Mutter lächelte mich an. In diesem Moment kamen mir meine Eltern vor, wie von einem anderen Stern. Am liebsten wäre ich heulend zu ihnen hingelaufen, hätte sie umarmt und gebeten, mich ganz schnell von hier fortzubringen. Aber das ging nicht. Und so riss mir der Stolz das Herz und schickte mir einen dicken Kloß in den Hals. Wie denn der Fang war, wollte mein Vater wissen. Und Strom-Johann holte den Setzkescher an Licht. Der Barsch war nun auch tot, lag neben dem Aal. "Na, dann wollen wir nicht weiter stören. Petri Heil." Und stramm aus allen Kehlen: "Petri Dank." Ich bestand darauf, meine Eltern noch zum Wagen zu bringen, damit ich auf dem Rückweg hinreichend heulen konnte. Über mich. Die Schulschönheiten. Und die Fleischtüten. Aber ich wischte mir trotzig die Wangen und schlich mich wieder ins lärmende Camp. "...meint die Nutte im Fahrstuhl: Entschuldigung, ich musste nur mal aufstoßen!", sagte Ramses. "Nutte im Fahrstuhl! Verstehst?!" Und wir lachten unsere dreckige Lache. Dann machten wir uns über die Fressalien her, bis sie vernichtet waren. Die Zigaretten wurden rationiert. Jeder bekam zu jedem seiner zwei Biere eine. Wir freuten uns aneinander, feierten, dass wir die letzten Tage überstanden hatten. Und krochen recht glücklich in die Zelte. Und wie selbstverständlich blieb das Zelt von Strom-Johann leer.

Ich fiel in einen tiefen Schlaf. Träumte von glitschigen Aalen, die sich erwärmten, die ganz heiß wurden und überall in mich reinkrochen. Ein schönes Gefühl. So ein Kraftgebergefühl. Und plötzlich schrie Ramses. "Ihr müsst kommen, ihr Penner, das müsst ihr euch ansehen. Los! Aufstehen! Macht, macht. Das müsst ihr sehen!" Und er ruckelte an den Zelten, riss die Reißverschlüsse auf und rief hinein. "Auuufstehn!" Ich besah mir die Uhr. Es war schon hell. Kurz vor Fünf. Dem war nichts entgegenzusetzen. Wir alle schlüpften schläfrig ins Schuhwerk und folgten dem vor Freude tanzenden Ramses wie einem Rattenfänger in den Wald. Mitten auf einer Lichtung mit hellen Gräsern blieb er stehen. Dort also stand Ramses. Und wies mit seinem Finger nach unten aufs lichte, plattgetretene Gras. "Hab ich gemacht!" Wir trauten unseren Augen nicht. Da lag, mindestens von der Dicke unserer Mettwurst, Ramses Prachtexemplar. Gut und gern vierzig Zentimeter lang, die ersten dreißig schnurgerade, dann wand sich das monströse Exkrement in einem Kringel, der auf sich selbst zu liegen kam, wie in der schönsten Zuckerbäckerei. Keiner von uns bekam mehr den Mund zu. Ich dachte an den mickrigen Aal. Und daran, wann ich das letzte Mal etwas so Großartiges gesehen hatte wie dieses Stück Scheiße.