Der Schatten des Falters im Zimmer


Amerika

Will man es Glück oder Pech nennen, dass meine Urgroßmutter am 24. August 1904 einen Dampfer nach Amerika bestieg? Sie war keine neunzehn und erträumte sich, tagelang auf den weiten Horizont sehend, ein neues, größeres Leben.
Will man es Glück oder Pech nennen, dass sie nachts den Drang aufs Oberdeck hatte, um in den wunderbar klaren Sternenhimmel zu sehen? Ihr war, als funkelten tausend Augen ihr zu, voller Verheißungen zwinkerten und plinkerten sie: Wart nur ab ...
Will man es Glück oder Pech nennen, dass sie diese verdammten Röcke verfluchte, unter deren Säume die kalte Luft zog, sie frieren ließ, wo sie Wärme am nötigsten zu haben glaubte?
Will man es Glück oder Pech nennen, dass sie sich nur zu gern in der Nacht vor dem Schornstein, dem warmen, rumtrieb und dort sogar ihre Röcke hob?
Und will man es Glück oder Pech nennen, dass bisweilen der Heizer vorbeikam, um nach dem Rechten zu sehen; dass er beim Anblick meiner Urgroßmutter seinen Augen nicht traute, bis seine Hände ihm das Vertrauen in seine Sinne zurückgaben?
Will man es Glück oder Pech nennen, dass meine Urgroßmutter amerikanischen Boden niemals betreten hat? Dass sie mit dem Dampfer zurück nach Deutschland fuhr, den Heizer heiratete, ihm sieben Kinder gebar?

Sieben Kinder

Kind eins wurde als Mädchen von der Straßenbahn überfahren.
Kind zwei wurde Soldat und verschwand im Krieg irgendwo an der Newa.
Kind drei heiratete einen Mann, der sich als Kriegsinvalide im Krankenhaus eine Krankenschwester anlachte, worauf Kind drei den Gashahn aufdrehte.
Kind vier sprang dreizehnjährig überhitzt ins kalte Fördewasser und starb.
Kind fünf zeugte meine Mutter, kam als Kriegsinvalide zurück und nahm sich 1979 das Leben.
Kind sechs heiratete passabel, liebte seinen Kleingarten und wurde alt.
Kind sieben geriet in englische Kriegsgefangenschaft, arbeitete danach weiter beim Engländer, wurde dort als Kaufmann angelernt, wurde älter als Kind sechs und starb kurz vor diesen Aufzeichnungen.

Von Kind fünf, meinem Großvater

1946 sah meine Mutter an der Hand meiner Großmutter zu dem blassen Mann hoch, über den sie viel gehört, den sie aber selten gesehen hatte. Wenn sie ihn gesehen hatte, hatte er meist im abgedunkelten Zimmer gelegen. Man sagte ihr, er sei ihr Vater. Meine Mutter war vier Jahre alt, hatte auffallend blonde Locken, für die sie von Erwachsenen geliebt, von Kindern gehasst wurde, und obwohl man es ihr verboten hatte, traute sie sich auf die Straße zu den Russen, um eine Feinbrotschnitte mit Butter und Zucker zu schnorren.
Hier standen sie im kühlen Entree des Stifts Bethlehem in Ludwigslust. Drei Menschen. Die Enttäuschung war groß; obwohl der Krieg seit einem Jahr vorbei war, war er nur ein anderer geworden. Jeder führte ihn fortan unerbittlich für und gegen sich selbst. Das Kind gegen die Nachbarskinder, die Frau gegen den Kochtopf, der Mann gegen die Versuchung, dem bohrenden Tod in seinem Körper entgegenzukommen. "Komm nur", säuselte eine Stimme in ihm, so leuchtend und restwarm wie ein Sonnenuntergang, "morgen bist du sorgenfrei. Aber du musst schon sorgenfrei sein wollen. Ohne deinen Willen loszulassen kannst du nicht zu mir kommen. Du musst wollen, nur wollen, komm, las ab, komm doch, las los, komm nur, komm ..."
Wie dieses Unglück begann? Anfangs lief alles in unauffälligen Bahnen, mein Großvater war, der Familientradition entsprechend, Sozialdemokrat, zudem gelernter Dreher, der auf der Howaldtswerft ohne zu murren seinem Beruf nachging. Fand er nicht in seiner Heimatstadt eine Frau, zeugte mit ihr ein Kind, unterhielt eine kleine Wohnung in der Barkauer Straße und war zufrieden mit sich, seiner Umwelt, seinem Schicksal?
Und wurde nicht mit einem Ruck ein Schalter umgelegt, der die Balance seines Lebensgefühls aus drehbaren Tönen und festen Gesetzen ins Ungleichgewicht brachte? Ganz neue Töne, neue Gesetze kamen auf, mächtig wie die Klänge der Hammerschläge, welche nachts übers ebene Fördewasser hallten. Dann musste er an Kriegsschiffen bauen, immerhin befreit vom Frontdienst, aber 42 griffen sie ihn, den Schmächtigen, doch und schickten ihn an die Ostfront. Fortan führte er sein Leben mit einem ungeahnten Widerstreben; er begann in seinem Inneren letzte Reserven aufzutürmen wie Dosen in einer Jahrmarktsbude. Sie warteten nur darauf, dass ein gut geworfener Lederball sie zum Einsturz brachte.

Blut spucken

Er spuckte Blut auf die 14. Infanterie-Division. Er spuckte Blut auf die Sumpfniederungen um Brzozowo und Goniadz. Er spuckte Blut auf die sowjetische Sommeroffensive des Jahres 1944. Er spuckte Blut auf die Abwehrkämpfe, die die deutschen Truppen 400 Kilometer zurücktrieben, in eben jene Sumpfniederungen vor der ostpreußischen Grenze.
Und er spuckte Blut auf den Falter, der, während er im bösen Bett liegen musste, Nacht für Nacht, Sperrstunde für Sperrstunde, um die Petroleumlampe flatterte. Er spuckte Blut auf den Schatten des Falters, der die Zimmerwände in aller Seelenruhe beben ließ und ihn wieder in die Sümpfe schickte. Denn die Sümpfe hatten vier Wände. Und auf den Wänden der Sümpfe bewegten sich Schatten. Einer hatte ihn erwischt, ein anderer ihn gerettet.
Er lag da und fragte sich, wie das kam, dass er einfach nur dalag, das Gesicht im sauren Boden, die Hände im Bleichmoos. Erst fühlte er nichts, dann wurde es warm in seiner Brust, und als er Blut an seinen Händen hatte, fraß ihn der Schmerz.
Kameraden schafften ihn auf einem Schlitten davon.
Die Verwundeten, die im Norden des Reiches zusammenkamen, schickte man in die Lazarette des Südens. Die Verwundeten, die im Süden des Reiches zusammenkamen, schickte man in die Lazarette des Nordens. Irgendwo in der Mitte, im bösen Herzen des Reiches, pulsierten die Verwundeten wie zerstörte rote Blutkörperchen aneinander vorbei.

Erdbeeren und Ofenrohre

Als mein Großvater seinen Dienst an der Ostfront antrat, begannen die Alliierten, seine Heimatstadt aus der Luft zu bombardieren. Meine Großmutter wanderte mit ihrem Säugling, meiner Mutter, zu ihrer Mutter, einer arbeitsamen Frau, die in einer Kleinstadt in Mecklenburg ein altes Haus mit einem bronzenen Türklopfer in Form eines Löwenkopfes besaß.
Längst war auch sie eine gebeutelte Person. Obwohl ihr von ihrem ersten Mann übel mitgespielt worden war und sie ihren zweiten Mann während des Krieges in Italien verloren hatte, versteckte sie unter ihrer verhärmten Schale einen freundlichen Kern, den spüren konnte, wer sich genug darum bemühte. Platz im alten Haus gab es reichlich. Und friedlich war es obendrein. Meine Mutter lernte laufen und ging mit den Kindern der Nachbarschaft im Sommer an den See zum Baden oder lungerte in den Erdbeerbeeten des Schrebergartens herum. Im Winter, wenn es eisig wurde, saß man mit den Nachbarn in der kleinen Stube, heizte ein, scharte sich um die Wärme, machte Handarbeiten und erzählte. Erst wenn das Ofenrohr glühte, wurde es richtig schön mollig. Die schlummernden Kinder pinkelten vor Gemütlichkeit in ihre Strumpfhosen.
Die Mutter meiner Großmutter erwies sich als Glücksfee, denn sie kochte für ein Kinderheim und bereitete Übriggebliebenes oder Abgezwacktes für ihre Familie daheim auf. Ihre Muskartoffeln mit Pfannensauce blieben Legende; sie ließ Speck aus, gab Fett zu, ließ Mehl in der Pfanne braun werden, gab Zucker bei, machte im Muskartoffelklacks auf dem Teller ein Nest und gab die dunkle Einbrenne hinein. Keiner, der nicht den Teller ableckte.
Mitten im Hochsommer wurde Hamburg derart bombardiert, dass die Rauchsäule noch hundert Kilometer östlich in Mecklenburg zu sehen war. Die Leute aus der Kleinstadt stiegen auf den Burgturm und sahen sich schweigend die Rauchsäule der in Flammen stehenden Großstadt an. Es dauerte nicht lange, dann bummerte von der anderen Seite die Artillerie der Russen, unaufhaltsam rückten sie vor, man fürchtete sich vor den abgerissenen Barbaren, die Frauen begannen die Hygiene einzustellen, steckten sich Kissen unter die Kleidung, um Buckel zu imitieren, zogen sich Kopftücher tief ins Gesicht und blickten bei ihren Gängen zu Boden und aus den Augenwinkeln.
Noch weiter östlich soll es schlimmer, viel schlimmer gewesen sein. Doch der Krieg fand auch in dieser Kleinstadt sein unvorstellbares Ende. Immerhin konnte noch das Vorratslager des Fliegerhorstes geplündert werden. Meine Großmutter ergatterte einen nagelneuen blaugrauen Fliegermantel, aus dem sie für meine Mutter einen Kindermantel nähte, zudem etliche Sockenpaare, die aufgeräufelt zu warmen Pullovern wurden.
Die Mutter meiner Großmutter kochte nach dem Einmarsch der Russen weiter fürs Kinderheim, Erbsen, Bohnen, Linsen, Eintöpfe vor allem. Meine Großmutter flickte nun russische Uniformen in der Schneiderstube vor dem Schloss, der alten Parteistube. Und meine Mutter bekam von den Russen den blonden Lockenkopf gestreichelt und ein Feinbrot mit Butter und Zucker.

Sechzehn minus acht

"Geht es?" fragte meine Großmutter vor dem Hospital. Kaum, dass er sich an ihr festhalten konnte. "Das darf nicht so bleiben, so kann ich nicht leben."
Es ist, als hätten sie ihm auf der Seite, wo sie ihm acht Rippen entfernt hatten, stattdessen sechzehn Gewichte ins Fleisch gehängt, die ihn für immer zu Boden ziehen wollten.
Im Hospital war die Situation nach der Rippensektion äußerst kritisch geworden. Sein Zustand hatte sich derartig verschlechtert, sodass der Oberarzt einen Feldwebel anweisen musste, ihm von Mensch zu Mensch, von Arm zu Arm, Blut zu spenden. Das Blut vom Feldwebel rettete sein Leben.
Vorsichtig, als wäre die Welt ein rohes Ei, setzte er Schritt für Schritt aufs dreckige Pflaster. Seinen Oberkörper bewegte er dabei nicht. Obwohl sein Körper ihm so schwer schien, schien es meiner Großmutter, als schwebe er langsam durch die Straßen Ludwigslusts.
"Mama, warum gehen wir so langsam?"
"Sei still."
Der Bus war pünktlich. Die Erschütterungen während der Fahrt kamen Erdbeben des Schmerzes gleich. Als er darüber nachdachte, wo er hinfuhr und was das für ihn bedeutete, stellte er gar nicht mal so vorsichtig eine weitere Letzte-Reserve-Dose auf den Dosenturm - ohne dass dieser zusammenfallen wollte.
Er fuhr zu seiner Schwiegermutter. In ihrem Haus gab es eine Erdgeschosswohung, in der sein Bett stand. Eine Einladung zum Siechen. Als der Krieg vorbei gewesen war, war in diesem Bett sein rechter Lungenflügel vereitert. Die Situation im russischen Sektor ließ über ein halbes Jahr keinen Hospitalaufenthalt zu. Das Bett war böse. Es wartete auf ihn. Und er würde wieder in ihm liegen müssen. Er wusste, dass die langwierige Vereiterung im bösen Bett zur Rippensektion geführt hatte, nicht der Geschoßsplitter, der noch immer in ihm steckte. 45, im Lazarett, hatten sie ihm eine Bülaudrainage gesetzt, die den Eiter abzog. Neben dem bösen Bett stand nichts dergleichen, da halfen auch die vielen Mullwindeln nicht, die meine Großmutter ihm auf der Wunde wechselte. Nun hatte er acht Rippen verloren, Teile der Lunge eingebüßt. Futsch. Und in der anderen Lungenhälfte steckte noch immer der Geschosssplitter. Den hatten sie weder im Lazarett noch im Hospital zu fassen bekommen. Zu nah am Herzen.
"Solange er nicht wandert, wollen wir ihn besser lassen, wo er ist", sagte der Hospitalarzt. Und begab sich auf die Suche nach dem Feldwebel.

Neue Übersicht

Sobald mein Großvater sich ein wenig beweglich glaubte, stapelte er eine weitere Dose auf den wankenden Letzte-Reserven-Turm.
Er sah auf den Lockenkopf seiner Tochter hinunter, welche an seiner Hand neben dem Kinderwagen herlief, in dem sich ein Koffer, Taschen und Beutel befanden. Meine Großmutter hatte einen Wäschesack mit Betten geschultert. Im Kleinstadtbild fielen sie nicht auf, zu sehr hatte man sich an den Anblick von Flüchtlingen und Evakuierten gewöhnt. So schritten sie schweren Schrittes zum Bahnhof.
Wer vom Osten in den Westen wollte, musste zuerst in den Süden fahren. Warum, wurde nicht gefragt. Die Bahnhofsmission in Magdeburg ermöglichte eine Zwischenübernachtung, meine Mutter schlief, mit vorn heraushängenden Beinen, ihre letzte Nacht im Kinderwagen, Friedland hieß der Grenzübergang, umsteigen, dann rollte der Zug wieder gen Norden.
Zurück in der Heimatstadt, besah man sich mit einem eigentümlichen Gleichmut die neue Übersicht zwischen den Trümmerhaufen. Verschwundene Hausecken, Kirchtürme, Straßenzüge, ganze in Schutt gelegte Stadtviertel nahmen die Erinnerungen an Gesichter, Geschichten mit fort in ferne graue Kammern und verschlossen sie dort für immer. Auch das Haus in der Barkauer Straße hatte es erwischt. Anderntags meldeten sich meine Großeltern auf dem Amt als ausgebombt und evakuiert.

Meistergeheimnis

Für den Übergang vermittelte man ihnen ein Dachgeschoßzimmer in einer Eisenbahnsiedlung zwischen aufgetürmten Möbeln, hinter aufgerissenen Wänden und unter einem undichten Dach. Inmitten des tiefsten Winters konnte dann ein Neubau bezogen werden. Zwei große Zimmer mit einem kleinen Ofen für 40 Mark im Monat. Mit Strom, ohne Sperrstunde und gottseidank ohne Falter, dafür mit einem roten, eiskalten Steinholzboden. Während meine Mutter eines Morgens im hohen Schnee spielte, wurde ihr ein Bruder geboren. Peter.
Der Alltag richtete sich im Elend ein wie die Made im Aas. Mein Großvater bekam eine Invalidenrente von 50 Mark und verkaufte sein Nachtsichtgerät von der Wehrmacht für 20 Mark auf dem Schwarzmarkt, meine Großmutter ging in der Heringssaison für 88 Pfennig die Stunde bei der Fischfabrik Holdorf & Richter arbeiten, die Fische wurden morgens auf dem Fischmarkt gekauft, auf große Holztische gekippt und nach Größe sortiert, dann eingelegt oder zu Rollmops gewickelt. Die nicht gewickelten Rollmöpse nannte man einfach saurer Hering und verkaufte sie etwas billiger. Manchmal wurden die Fische auch in Senf- oder Tomatensauce, Rezept Meistergeheimnis, gelegt.
Meine Großmutter stank, wenn sie von der Schicht nach Hause gelaufen kam, wo ihre Schwiegermutter murrend die Enkel hütete. Obwohl ihr Mann, der Heizer, schon vor dem Krieg an Lungenentzündung gestorben war und sie viele ihrer Kinder verloren hatte, fühlte sie sich nicht allein. Sie nahm die Ruhe schlichtweg als neue Erfahrung und ließ sich ungern darin stören.
"Himmel, was stinkst du wieder!" warf sie meiner Großmutter an den Kopf, wenn sie die Wohnung betrat. "Na, hörmal", sagte meine Großmutter, "die Frauen aus der Fischmehlfabrik an der Alten Lübecker Chaussee, die musst du riechen. Die stinken!"
Von dem Geld wurden Kartoffeln und vor allem Kohlen gekauft. 20 Zentner brauchte man, um einigermaßen durch den Winter zu kommen. Die Briketts heizten nicht so wie die Eierkohlen, aber sie hielten die Glut länger und damit über Nacht. Wenn nur dieser eisige Steinholzbelag nicht gewesen wäre! Schließlich verkaufte der Nachbar seinen hässlichen abgeschabten Teppich für 50 Mark. Zehn Raten, fünf Mark jeden Monat.

Silberne Fische im Flockenwirrwarr

Es wurde Frühling, es wurde Sommer, und der mühsam ergatterte, fern hinterm Wald liegende Schrebergarten erwies sich als fruchtbares Eldorado. Die erste Ernte war gut, Zuckerrüben, Tabak, Rosenkohl, Kartoffeln, der Ziehwagen rollte geölt auf dem weichen Waldboden der Trampelpfade zwischen Wohnung und Garten, Garten und Wohnung. 50 Minuten Fußmarsch pro Strecke. Die Blätter fielen, es wurde eingemacht, es wurde kalt, die ersten Kohlen wurden wieder in den Ofen gefeuert, es wurde kälter, gottseidank hatte man nun den Teppich, dieses scheußliche Ding, es wurde noch kälter, der Keuchhusten kam, nistete sich mit großer Selbstverständlichkeit in den Kindern ein, meist, wenn sie nachts in den Betten aufwärmten. Fünf Wochen kommt er, fünf Wochen geht er, hieß es. Und wenn der Winter gut gelaunt war, hatte er auch milde Tage parat.
Doch schlagartig kamen die kalten Tage zurück. Es war halb zwei, und mein Großvater war der erste am Tresen der Bretterbude, an der die Fischräucherei ab 14 Uhr ihren Straßenverkauf abwickelte. Der Gedanke an den Ofen im Zimmer und die billigen, zerrissenen Abfallbücklinge auf dem Teller erhöhten seinen Speichelfluss.
Mein Großvater trat von einem Bein aufs andere, während er dem unsteten Fall der Schneeflocken zusah. So einmalig fielen sie aus dem gleichgültigen Himmel, dass er meinte, jeder einzelnen Flocke gebühre die unbegrenzte Aufmerksamkeit, welche er nur einer von ihnen zu geben imstande war. Ein niederschmetternder Gedanke. Trotzdem oder gerade deswegen pflückten seine Augen nach mehreren, sich im Wirrwarr verlierenden Versuchen die eine Flocke aus dem Himmel und verfolgten ihren taumelnden Flug auf seinen grauen Filzmantel. Er sah sie solange an, bis sie schließlich schmolz. Seit dem Wetterumschwung spürte er die Spitzen seines Fixsterns im Oberkörper wieder. Nun trug er seit zwei Jahren diesen weichen, vernarbten, roten Kosmos unter seiner Haut, in den sich der scharfkantige Fixstern festgefroren hatte. Wenn viel in ihm in Bewegung geriet, und es war egal, ob innerlich oder äußerlich, begann der Fixstern zu wandern. Dann spuckte er wieder Blut. Spuckte Blut in ein Meer von Blut. Und träumte von Fischen, von silbrigen, blutigen Fischen, solchen, die meine Großmutter von Holdorf & Richter mit nach Hause brachte, träumte von vielen hundert scharfkantigen silbern aufblitzenden Fischen, sah sie widerstandslos in Schwärmen durch ein unvorstellbares Meer aus Fleisch ziehen.
Ein Traum, den er nie jemandem erzählte und der ihn vielleicht deshalb bis ans Ende seines Lebens heimsuchte.

Echte Menschenfrage

"Und wie war das? Dann hast du mit einem echten Gewehr echte Menschen totgeschossen?" fragte ich meinen Großvater dreißig Jahre später.
Das war 1977. Ich war zehn Jahre alt und wusste inzwischen, wie man einen herkömmlichen Spielzeugrevolver so präparierte, dass er richtig schoss. Man brauchte nur den Lauf aufzubohren, die Patronen aus den Knallringen mit Wachs zu füllen, herauszuschneiden und in die Rückseite der Trommel zu stecken, fertig war der Revolver. Traf ein solches Geschoß auf blanke Haut, so schwoll eine rote Quaddel darauf.
Jeder Enkel, der 1977 einen Großvater hatte, der vom Krieg erzählen konnte, stellte ihm diese Frage. "Nein", sagte meiner, "so war es nicht", hob zwei hintereinander gelegte Pistolenhände in die Luft, tat, als ob er zielte, und machte "pittschu!-pittschuh!-päng!-päng!" Dann lachte er, rührte weiter in seiner Milchsuppe mit Sternchennudeln, nahm einen Löffel vor die Lippen, pustete daran, nahm ihn auf, schluckte und sagte: "Ich habe immer nur vorbeigeschossen." Und wie jeder Enkel dieser Zeit glaubte ich meinem Großvater das, während ich mich an der Vielzahl seiner geplatzten Adern auf den Wangen festsah, um vorfreudig aufzuschrecken und mich wieder meinem Die drei ??? und der seltsame Wecker-Buch zu widmen, glücklich, mich in eine spannendere Welt katapultieren zu dürfen.
Manchmal sah ich meinem Großvater morgens beim Rasieren zu. Mit heruntergelassenen Hosenträgern stand er vorm Alibert-Spiegelschrank. Ich konnte den Blick nicht von seinem eingefallenen, vernarbten Oberkörper abwenden. Doch schließlich verfolgte ich den Rasierpinsel, den er schäumend an seinem Kinn und seinen Wangen kreisen ließ. Dann sah ich einen lustig eingeschäumten Weihnachtsmann, bis er sich bei der Rasur schnitt. Und Blut rann über eine Wange in den weißen Schaum.
Mein Großvater blieb zeitlebens ein hübscher Mann von dezenter Statur. Das bezeugen Familienphotos. Er hatte ein sensibles, fein geschnittenes Gesicht, in Wellen liegendes, stets mit Wasser und Kamm in Form gehaltenes Haar und eine wohl geschwungene Oberlippe samt ausgeprägter Lippenrinne. Eine freundliche Erscheinung, die imstande war, mich mit vorgetäuschten Schreckensrufen beim Tischtennis aus der Bahn zu werfen.

Enten und Draculaschminke

1978 starb die Mutter meine Urgroßmutter im Altenheim. In meine Erinnerung an sie mischen sich immer Enten. Enten, die im Eingangsbereich des Altenheims meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen verstanden. Ich nahm stets Brot mit und freute mich auf den Besuch. Vor allem wegen der Enten. Eines Märznachmittages im Jahr darauf kam ein Anruf. Mein Großvater hatte sich auf einer Butterfahrt vom Schiff gestürzt. Nicht weit von der Stelle, an der sein Bruder vor über einem halben Jahrhundert verunglückt war. Mann über Bord! hieß es plötzlich, Schiffe fuhren herbei, Rettungshubschrauber kamen angeflogen, schließlich barg ein Fischerboot den leblosen Körper aus dem eisigen Fördewasser. Meine vier Cousins standen währenddessen wie die Orgelpfeifen an der Reling des Butterdampfers und starrten hinab.
Als mein Vater, den Telefonhörer in der Hand, zu meiner Mutter ins Treppenhaus rief: "Dein Vater ist tot", bekam ich einen Heulkrampf, der bis zum Abend anhielt. Dann saß ich bei meinen anderen Großeltern im Sessel und sah Peter Frankenfeld. Musik ist Trumpf.
Die Beerdigung war so furchtbar, dass ich danach nie mehr auf eine Beerdigung wollte. Wir warfen etwas Sand auf den Sarg im Erdloch und rieben ihn uns in die verheulten Augen. Mitten im Leichenschmaus verschwand ich mit meinen Cousins in die Einkaufsstraße, um bei Woolworth zu klauen. Ich war der Obercousin und kam mit einem kleinen Topf grüner Draculaschminke zurück. Olov, mein Lieblingsuntercousin, hatte ein Draculagebiss in der Hosentasche.

Mütter und Töchter

Im Jahr vor der Jahrtausendwende lagen meine Mutter und meine Großmutter gemeinsam mit demselben Befund in einem Zweibettzimmer im Krankenhaus. Beiden war das linke Kniegelenk verschlissen, und beiden musste es durch eine Gelenkprothese ersetzt werden. In den Wochen nach der Operation zeigte sich, dass meine Großmutter den Eingriff besser weggesteckt hatte als meine Mutter. Noch Monate später humpelte meine Mutter an Gehhilfen umher, während meine Großmutter bereits die am 20. April, Hitlers Geburtstag, gelegten Kartoffeln in ihrem Schrebergarten erntete. Ich mutmaßte, dass meine Mutter mit einer schlechteren Knochensubstanz als meine Großmutter ausgestattet war, wohl wegen der Mangelernährung in ihrer Kindheit.
Ein paar Wochen später musste meine Frau mit Wehen ins Krankenhaus. Sie brachte unsere Tochter zur Welt, ein kleines Mädchen mit blonden Locken und einer ausgeprägten Lippenrinne.

Das Eiserne Kreuz

"Vielleicht hier", sagte meine Großmutter letzten Montag, als sie das Eiserne Kreuz meines Großvaters im Schlafzimmer suchte. Wieder und wieder öffnete sie Türen und Schubladen des kleinen verspiegelten Schlafzimmerschranks. In einer der Schubladen war billiger, über die Jahre geerbter und herbeigeschenkter Schmuck.
Nachdem ich einige Zeit ihrem hilflosen Treiben zugesehen hatte, merkte ich, dass sie nur deswegen so leidenschaftlich nach dem Eisernen Kreuz suchte, weil sie es mir schenken wollte. Irgendetwas musste in ihr aufgestiegen sein, so eine Ahnung, dass vor langer Zeit Menschen für diesen Orden zu sterben bereit waren und dass andere Menschen genau diese Bereitschaft zu schätzen wussten. Und vielleicht sah sie in mir jemanden, der das Wissen darum zu schätzen wusste.
"Wo ist es bloß?" fragte sich meine Großmutter vor mir gebückt im geblümten Kleid. "Eigentlich wollte ich es Peter schenken, doch der wollte es nicht haben. `Was soll ich mit so´nem ollen Orden´, hat er gesagt." Sie stellte einen gewaltigen blauen Parfumflakon in den Schrank zurück und schloss die verspiegelten Türen. Sie zog wieder die Schublade mit dem Schmuck auf und kramte darin herum. "Ich weiß es nicht", murmelte sie, "dann hat Peter ihn wohl doch genommen."
Irgendwann gab sie die Suche nach dem Eisernen Kreuz auf.
Es blieb verschwunden.

Verschwundes Leben, verschwundenes Grab

Vorhin sprach meine Großmutter mir auf den Anrufbeantworter.
"Hallo, hier ist Oma. Ich muss euch eine Geschichte erzählen. Ruft doch mal zurück."
Ich war erstaunt, als ich die Nachricht abhörte. Meine Großmutter ist sonst nicht der Typ, der auf Anrufbeantworter spricht. Also rief ich sofort zurück.
"Hallo Oma. Ich bin´s."
"Guten Morgen, Junge."
"Was gibt’s denn?"
"Stell dir vor, was meine Nachbarin, Frau Fischer, mir gestern sagte: Sie war auf dem Friedhof, ihr Mann liegt ja auf derselben Parzelle wie Opa, sie sagte: Opas Grab ist nicht mehr da."
"Das gibt’s doch nicht!"
"Erst dachte ich, nun spinnt die alte Fischer. Heute war ich auf dem Friedhof, und es ist tatsächlich so, dass sie Opas Grab eingeebnet haben."
"Ohne, dass sie dir Bescheid gesagt haben?"
"Im Gegenteil, ich habe ja im letzten Jahr noch die Grabgebühren für die nächsten 25 Jahre im voraus bezahlt."
"Und jetzt?"
"Ich war im Friedhofsbüro und habe mich beschwert. Sie haben sich entschuldigt. Es ist wohl ein Versehen."
"Haben sie denn die Gebeine mit ausgehoben?"
"Weiß ich nicht."
"Du hast in jedem Fall ein Recht auf Schadenersatz, auf Wiederherstellung. Ich ruf bei der Friedhofsverwaltung an."
Als ich bei der Friedhofsverwaltung anrief, um zu fragen, ob die Gebeine meines Großvaters noch an Ort und Stelle lägen, kam ich mir vor, als würde ich als Zehnjähriger meinen Großvater fragen, ob er im Krieg auf richtige Menschen geschossen hätte. Man versicherte mir, die Gebeine lägen unberührt im Boden. „So tief heben wir bei Erdbestattungen gar nicht aus. Wir führen einen sehr großen Friedhof und wissen kaum mehr, wohin mit all den Überresten.“ Ich glaubte auch das gern und ließ mir die Wiederherstellung des Grabes versichern. Der Steinmetz würde umgehend benachrichtigt werden. Übermorgen, am 7. Oktober, wäre mein Großvater 85 Jahre alt geworden. Bis dahin, so versicherte man mir, gäbe es auch wieder einen Stein, auf dem sein Name stünde.